Die Diakonie-Sozialstation in der Presse

 You​ng Care - 1/2004

 

"Nu ward dat aber ok tied!"

 
 
Ambulante Pflege bedeutet, viele Kilometer mit dem Auto zu fahren. Jetzt im Winter ist das nicht ungefährlich. Die Straßen sind rutschig, die Sicht oft schlecht. YOUNG CARE hat die Altenpflegehelferin Matina Gerhard auf ihrer Tour begleitet und sagt, worauf Sie achten sollten.
 
  Fahradfahren hält fit und bringt Spaß. Eigenes Auto? "Ich brauch keins!"
 

„Na, nu ward dat aber ok tied!“ Nun wird‘s aber auch Zeit. Ungeduldig wartet Ingrid K. (72) schon in ihrer Wohnungstür und „droht“ Matina Gerhard scherzhaft mit dem Zeigefinger. Die 29jährige Altenpflegehelferin von der Diakonie-Sozialstation in Bordesholm bei Kiel hat sich heute Morgen verspätet. Eine halbe Stunde nur, aber für Menschen, die morgens Hilfe beim Waschen und Anziehen brauchen, kann das eine Ewigkeit sein. Bei Ingrid K. muss Matina nur Blutdruck messen und die Blutzuckerwerte notieren, doch auch Rentner haben schließlich ihre Termine ...

Matina liebt ihre Arbeit

„Morgen bin ich wieder pünktlich“, verspricht die hübsche, junge Frau mit den dunklen Locken. Das sagt sie heute schon zum vierten Mal - aber jedes Mal so freundlich, dass ihr jeder verzeiht. Der ständige Termindruck, das ist das einzige, was Matina an ihrem Job manchmal nervt. „Zeit für echte Gespräche bleibt da kaum. Dabei täte gerade das vielen älteren Menschen gut.“
Matina Gerhard liebt ihre Arbeit in der Altenpflege. Eigentlich ist sie Zahnarzthelferin. Aber als ihre Tochter Jessica Denise (4) geboren wurde, hörte sie auf zu arbeiten. Im Januar vor einem Jahr kam die Kleine in den Kindergarten, und da die junge Mutter in ihrem alten Beruf keine Halbtagsstelle fand, bewarb sie sich in der Sozialstation. Jetzt ist sie Mitglied eines 35köpfigen, mobilen Teams. Zu den Wohnungen ihrer pflegebedürftigen Senioren fährt sie mit einem Einsatzwagen der Diakonie, denn ein eigenes Auto besitzt Matina nicht.
„Privat erledige ich alles mit dem Fahrrad“, sagt sie lachend. „Das hält schlank und vor allem fit.“ Viertel vor acht ist für Matina Gerhard Arbeitsbeginn. Jetzt im Winter ist es um diese Uhrzeit noch dunkel, die Straßen können gefährlich glatt sein. Aber die kleinen weißen Diakonie-Autos sind immer gut gewartet und mit Winterreifen ausgerüstet. Schließlich sollen die Altenpflegerinnen auch bei Schnee und Eis sicher an ihr Ziel kommen. Wer für diese Touren das Privatauto nimmt, muss selbst für seine Sicherheit sorgen. „Dafür kriegen unsere Mitarbeiter 26 Cent Kilometergeld“, erklärt Matinas Chef Werner Holtz, Leiter der Sozialstation. „Da sollten Winterreifen und ein regelmäßiger Werkstatt-Besuch schon drin sein.“

 
     
Blutdruck okay! Ingrid K. freut sich, wenn Matina mit den Werten zufrieden ist.     Jeden Morgen der Blick an die Magnettafel: Welche Patienten müssen heute versorgt werden?
         
    Das Auto der Diakonie ist immer tip-top gepflegt — für die eigene Sicherheit. Winterreifen sind absolutes Muss, spätestens ab 7 Grad C.    
 

Aber Winterreifen allein können Autounfälle nicht verhindern. Untersuchungen haben ergeben, dass Pflegekräfte besonders unfallgefährdet sind. Die belastenden Faktoren bei der Arbeit und der ständige Zeitdruck verursachen Stress - und Stress wirkt sich negativ auf das Fahrverhalten aus! „Wichtig ist, dass man sich nicht verrückt machen lässt“, weiß Matina Gerhard aus eigener Erfahrung. „Wenn man bei einem Patienten aufgehalten wurde, darf man auf keinen Fall versuchen, die Zeit auf der Straße wieder reinzuholen. Das kann schlimm enden.“ Lieber sich fünf Mal am Tag fürs Zuspätkommen entschuldigen als mit dem Auto aus der Kurve fliegen - das ist ihre Devise. und bislang haben ihre Patienten ihr jedes Mal verziehen. „Ich lasse sie erst mal schimpfen, dann wechsel ich das Thema“ und meist ist der Arger dann schnell vergessen“, sagt sie, und ihre blauen Augen blitzen fröhlich.

Ein Krimi entspannt

Dieses Ablenken von den Sorgen und Nöten ihrer Patienten, das gelingt ihr auch selbst sehr gut. „Manche Schicksale sind hart und traurig“, gibt sie zu. „Aber du darfst die Gedanken daran nicht mit nach Hause nehmen. Sonst gehst du selbst kaputt.“ Dass sie nicht ins Grübeln kommt, dafür sorgt schon Töchterchen Jessica Denise. Ein Wildfang, der jetzt das Ponyreiten entdeckt hat. Auch Matina saß schon mit sechs Jahren zum ersten Mal im Sattel, und bald werden Mutter und Tochter wohl gemeinsam über die Wiesen galoppieren . „Davon träume ich!“
Ansonsten hält sich die 29jährige mit Radfahren und Joggen fit. jeden Abend läuft sie eine halbe Stunde durch die sanfte hügelige schleswig-holsteinische Landschaft. Und wenn ihre Lütte abends endlich im Bett liegt, greift sie zu einem nervenkitzelnden Krimi. Spannung als Entspannung — warum nicht?! Wer sonst immer nur für andere da ist, der weiß am besten, was ihm gut tut.

 
 

Matina liebt Pferde über alles. Bald wird sie mit Töchterchen Jessica über die Wiesen galoppieren...

 
Fotos: Petra Meyer-Schefe